GA-Bericht zur Innenstadtentwicklung und zu Investoren in Bonn

Der heutige GA-Artikel Schimpf und Schande aus der Investorenszene (externer Link) geht auf die Sichtweise der “Immobilien-Zeitung” ein. – Leider nicht besonders ausgewogen.

U.a. heißt es in dem Artikel:

“Der Stillstand am Bahnhof und bei anderen Projekten schadet dem Ruf Bonns – Immobilien-Zeitung schreibt von Wirtschaftsverhinderung, Kurzsichtigkeit und Borniertheit [...] Bonner Loch und kein Ende: Bisher sind alle Pläne auf dem Bahnhofsvorplatz zu bauen, im Sande verlaufen. Zuletzt scheiterte 2004 der Düsseldorfer Projektentwickler Concepta, als er sich mit seiner Planung auf der Zielgerade wähnte an der inzwischen mehr oder weniger in der Versenkung verschwundenen OB-Kandidatin der CDU, Pia Heckes.”

An dieser Stelle sei an das Bürgerbegehren Bahnhofsvorplatz erinnert; mehr als 22.000 Bonnerinnen und Bonner* lehnten die Planungen ab, da der Investor

- eine dichte (circa 300 Meter lange) Bebauung an der Bahnhofsstraße plante,
- noch nicht einmal der Abstand der früheren Bebauung von ca. 27 Metern einhalten wollte,
- keine städtebauliche Korrektur der “Todsünde Südüberbauung” vorsah.

Zudem sollte der Busbahnhof abgeschafft und eine “Linienaufstellung” entlang der neuen Häuserschlucht verwirklicht werden. Fahrradwege waren vor dem Bahnhof nicht geplant. Die Kurzparkplätze gegenüber vom Bahnhof sollten ersatzlos wegfallen.

Skizze zu den Planungen am Bahnhofsvorplatz, Frühjahr 2004.jpg
Die damalige Planung sah eine Massivbebauung des Bahnhofsvorplatzes vor; (Vergrößerung durch anklicken der Skizze; Repro: J. Schott).

In der Begründung des Bürgerbegehrens hieß es wörtlich:

“Die Bebauung des Bahnhofsbereiches (‘Bahnhofsvorplatz’) sollte so gestaltet werden, dass alle Verkehrsteilnehmer (ÖPNV, Fußgänger, Fahrradfahrer, PKW und LKW) angemessenen Bewegungsspielraum erhalten und vor dem Bahnhof genügend Freiraum entsteht, um ein attraktives ‘Eingangstor’ zur Bonner Innenstadt zu gestalten. Dazu ist ein Abstand zwischen Bahnhof und der Gebäudekante der Neubebauung von mindestens 27 Meter erforderlich! Ein Abriss oder Rückbau der ‘Südüberbauung’ wäre dabei wünschenswert.”

Das Flugblatt und den Text des Bürgerbegehrens können Sie hier abrufen (externer Link).

Am 9. Dezember 2004 entschied der Stadtrat über das Bürgerbegehren Bahnhofsvorplatz.
Die Entscheidung fiel in geheimer Abstimmung: 37 Stadtverordnete sprachen sich für das Bürgerbegehren und damit für eine Neuausschreibung aus, 26 Stadtverordnete sprachen sich dagegen aus, zwei enthielten sich der Stimme. 65 von – einschließlich der OB – 67 Stadtverordneten waren anwesend.

Auf das Bürgerbegehren Bahnhofsvorplatz geht der Zeitungsartikel leider mit keiner Silbe ein.

In dem GA-Artikel heißt es u.a. weiter:

“Einzelhandel in alten Stadthaus am Bottlerplatz? Ebenfalls Fehlanzeige, weil dort das Haus der Bildung unterkommen soll, seitdem die Alternative in der Quantiusstraße gescheitert ist.”

Der Standort Quantiusstraße war für ein Haus der Bildung ungeeignet; zu diesem Thema nur vier Stichpunkte:

- Das Gebäude wäre zwischen der Bahntrasse und Quantiusstraße “gequetscht” worden,
- Dauerlärm und Erschütterungen durch Bahn und Güterverkehr hätten sich nicht positiv auf die Bildungeinrichtung ausgewirkt,
- das Objekt sollte auf Jahrzehnte teuer angemietet werden, das Alte Stadthaus zugleich verkauft werden,
- über das Projekt und die finanziellen Berechnungen wurde nicht umfassend informiert.

Foto vom Alten Stadthaus, Oktober 2006
Im Januar 2007 wurde entschieden, dass im Alten Stadthaus am Bottlerplatz das Haus der Bildung eingerichtet wird (Foto: J. Schott).

In dem Artikel bzw. Kommentar des GA heißt es in Bezug auf das Haus der Bildung:

“Kein Wunder, dass die Immobilien-Zeitung im November von ‘Wirtschaftsverhinderung’ schreibt – und von Millionensummen an Vorlaufkosten für Projekte, die ‘wegen mangelnder Professionalität der Stadtoberen nicht realisiert werden konnten’.”

Fazit: Eine kritische Berichterstattung sieht anders aus.
Schade, dass sich der Artikel nicht ausgewogen mit der Thematik auseinandersetzt.

Interessanterweise sollen in der Bonner City fast immer städtische Grundstücke und historische Gebäude für Investorenprojekte herhalten. Kulturelle Institutionen sollen aus der Innenstadt verbannt und durch weitere Einzelhandelsflächen ersetzt werden. Die vernünftige Balance aus Einzelhandel, kulturellen Einrichtungen und Gastronomie möchte die Bonner Marketing- und Investorenlobby anscheinend auf dem Altar des erstbesten Investors opfern. Die qualitative Aufwertung des Einzelhandelsangebots scheint hier in den Hintergrund zu rücken; statt auf eine gesunde Innenstadtentwicklung zu setzen, wird immer wieder das Klagelied der vernachlässigten Investoren angestimmt.

Lesen Sie auch den Blog-Beitrag Diskussion zum Einzelhandel in der Bonner City.

*) Am 03.09.2004 wurden der Oberbürgermeisterin 22.458 Unterschriften überreicht. Die Verwaltung erkannte insgesamt 18.150 Unterschriften an.

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4 Kommentare


  1. Der Investor investiert. Der Konsument konsumiert. Warum tritt die Stadt Bonn eigentlich nicht selbst als Investor auf?

    Das System kommt möglicherweise sowieso schon bald zum Stillstand, deswegen sollte man den “status quo” in Bonn beibehalten. Bonn sollte sich lieber umfassend verschulden, dank steigender Inflation sind die Schulden dann langfristig sowieso entwertet. Bei einer jederzeit möglichen Hyperinflation macht der Eigentümer das bessere Geschäft. Wer als Stadt Schulden hat, kann sich durch eine jederzeit mögliche Währungsreform entschulden.

    Deswegen: Tafelsilber behalten, Schulden machen, selber investieren, Entschuldung durch Währungsreform.

    Posted 20. Dezember 2007, 17:03

  2. dämliche idee – kein wunder, das sie anonym geäußert wurde…

    Posted 20. Dezember 2007, 19:19

  3. Währungsreform wäre doch was ;)

    Posted 8. Mai 2010, 11:42

  4. Ja, scheint ja derzeit wieder mal aktuell zu werden das Thema Schulden und was sie bedeuten…

    Posted 11. Mai 2010, 08:54

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